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Projekt »PS Pferdestärken« in Bleichstetten: Pferde stärken Kinder

Artikel im Reutlinger General-Anzeiger vom 30.12.2020 von Maria Bloching

In der Reit- und Pferdeschule von Nicla Hercher muss das Projekt »PS Pferdestärken« gerade pausieren. FOTO: BLOCHING


ST. JOHANN. Der Shutdown trifft auch die Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig in die Reit- und Pferdeschule von Nicla Hercher nach Bleichstetten kommen: Wie bereits während des ersten Shutdowns im Frühjahr muss ihre Aktion im Rahmen des Projekts »PS Pferdestärken« wieder pausieren.

Normalerweise können sich die jungen Pferdefreunde hier in einer kleinen Gruppe selbst neu erfahren und kennenlernen: Der Umgang mit den Pferden stärkt und erdet sie. Wenn sie da sind, ist es ganz still im kalten offenen Stall, nur hin und wieder sind das wohlige Schnauben von Sina und sanfte Bürstenstriche zu hören. Die Stute steht zufrieden im Gang und genießt das Wellness-Programm, das ihr den Tag versüßt, wenn sich die Kinder und Jugendlichen mit ihr beschäftigen. Die Stute hat gelernt, sich immer wieder auf ganz verschiedene Persönlichkeiten einzulassen.


Verantwortung und Zuneigung


Für die Aktionen im Stall wählen Schulsozialarbeiterinnen und Lehrkräfte mit Gespür Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten oder leichten körperlichen Beeinträchtigungen, mit hohem Gewaltpotenzial oder Lernschwierigkeiten, mit Migrationshintergrund und Integrationsschwierigkeiten oder Kinder aus schwierigen familiären Situationen aus. Auf dem Pferdehof tritt all das in den Hintergrund: Hier sind alle nur am Pferd interessiert, haben Pflichten und übernehmen Verantwortung. Wichtig ist allein, die Zuneigung der Pferde zu gewinnen, dadurch sein Selbstbewusstsein zu stärken und zu lernen, sich an Umgangsregeln zu halten.

Elena Braun-Haid, Schulsozialarbeiterin an der Eninger Achalmschule, hat sehr gute Erfahrungen mit dem Projekt »PS Pferdestärken« gemacht. Jede Woche kommt sie mit fünf Kindern aus der 3. Klassenstufe nach Bleichstetten. Dass dieses Projekt an ihrer Schule durchgeführt werden kann, ist nicht nur der Förderung von der Glücksspirale-Lotterie und der Diakonischen Bezirksstelle zu verdanken, sondern auch der Unterstützung des Integrationsmanagements Eningen und des Jugendhilfeträgers »Pro Juventa«.

»Jeder Mensch hat mal eine Zeit mit höherem Unterstützungsbedarf. Dieses Projekt wäre für jedes Kind wohltuend, ganz besonders aber für diese Kinder in herausfordernden Situationen«, sagt Braun-Haid.


Verhalten ändert sich


Im Schulalltag kann sie genau beobachten, wie sich die Kinder durch den Kontakt mit den Pferden verändern. »Jungs und Mädchen werden mutiger und selbstbewusster, sie sind sich selber mehr wert.« Egal, ob es sich bei ihnen um laute und störende oder um sehr ruhige Kinder handelt: »Ihr eigenes Verhalten ändert sich und der Umgang mit anderen Kindern auch. Das ist ein gemeinsames Erlebnis, das in die ganze Klasse hineingetragen wird.« Daher ist das Bedauern jetzt über diesen zweiten Lockdown auch im Pferdehof groß: »Es wäre für die kleinen Teilnehmer so wichtig«, betont auch Nicla Hercher. Jedes Kind trete anders an die Pferde heran: »Manche stürmen ohne Furcht auf sie zu, andere sind sehr schüchtern. Aber alle brauchen Anleitung und kommen in die Spur, sie müssen ritualisiert arbeiten, Regeln und Sicherheitsaspekte beachten und die Konsequenzen ihres Handelns tragen.«

Ähnlich gute Erfahrungen hat auch Stefanie Glöser, Schulsozialarbeiterin an der Realschule Pfullingen, mit dem wöchentlichen Besuch auf dem Reit- und Pferdehof gemacht: Der anfängliche Respekt gehe meist schnell in Zuneigung über, und die Kinder lernten, dass sie vor den Tieren alle gleich sind.

Ein solches Projekt der tiergestützten Pädagogik sei für Kinder, die in der Schule und zu Hause auffällig sind, »eine gute Sache«, findet auch Ina Kinkelin-Naegelsbach von der Diakonischen Bezirksstelle Münsingen, die für die Durchführung des Projekts zuständig ist. Dabei gehe es nicht um radikale Veränderungen, sondern darum, dass sich die Kinder selbst anders erleben und wahrnehmen könnten. Diese nonverbale Kommunikation sei von unschätzbarem Wert und lasse die Kinder aufblühen. Die Arbeit und das Zusammensein mit Pferden unterstütze Kinder und Jugendliche in ihrer persönlichen psychischen und physischen Entwicklung. Sie werden für die täglichen Anforderungen des Lebens fit gemacht. »Ich kann nur hoffen, dass es im Januar wieder mit den Schulen und somit auch mit uns wieder weitergeht«, sagt Reitstall-Betreiberin Nicla Hercher. (GEA)